2012, Filmproduktion, MdB, Mitglied des Bundestages, Volksvertreter

2012/2013 „MdB“ – ein Großprojekt entsteht

Das Jahr 2012 steht im Zeichen eines einzigen Filmprojekts das in mehreren unterschiedlichen Fassungen für 3sat, ZDFinfo und das ZDF produziert wird. Es handelt sich um die filmische Begleitung von 5 Bundestagsabgeordneten („MdB“ gleich „Mitglied des Deutschen Bundestages“) punktuell über ein Jahr hinweg. Im ersten Halbjahr `12 geschieht die Auswahl und Annäherung an die 5, ab Anfang September wird gedreht. Die erste Fassung –für ZDFinfo– ist bereits Anfang Dezember 20123 gesendet worden. Sie beinhaltet vor allem Reflexionen der Abgeordneten über Ihr Sein und Tun, also ihr Selbstverständnis als Abgeordnete. Dazu ein „Werkstattbericht“:

Beruf: Politiker – Ein Werkstattbericht

Meine filmemacherische Neugier gegenüber Bundestagsabgeordneten entflammte ganz konkret durch Roland Pofalla (CDU), Chef des Kanzleramts. Als es im September 2011 um die Gewissensfreiheit der Abgeordneten zu den Abstimmungen über die Europäischen Rettungsschirme für Griechenland ging und der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach diese für sich reklamierte um gegen die entsprechenden Vorlagen der Koalition zu stimmen, reagierte Pofalla in einer Sitzung wegen dieser Widerspenstigkeit angeblich mit: „Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen!“ auf Bosbach. Da ist Druck im Kessel.

DRUCK, den im vergangenen Jahr exemplarisch Karl Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff auszuhalten hatten, und zwar bis zum Geht-nicht-mehr. Die mediale Abbildung dieser Geschehnisse, der vermeintlichen oder erwiesenen Verfehlungen von unseren Berufspolitikern, die augenblickliche  öffentliche Kolportierung all dessen, was diese sagen oder gesagt haben sollen, das prangerartige Ausstellen von alltäglichen Peinlichkeiten auf den Videoplattformen… mit jedem dieser Mosaiksteinchen manifestiert sich täglich aufs Neue das Zerrbild von denen „da oben“, also den Politikerinnen und Politikern in ihrem Glashaus Bundestag, das wahrscheinlich, so ein Gedanke, mit dem Realbild dieser Menschen rein gar nichts mehr zu tun haben kann.

Fragte ich mich (als Wähler, als Filmemacher) – wie sieht denn dann die Realität aus? Wie kann unter solchen Umständen, also unter dem Druck von innen wie aussen überhaupt noch kompetent Politik entstehen? Welche unabhängige Entscheidungsmacht haben unsere Abgeordneten? Und: wie ticken die, die von Beruf Politiker sind. Eine, fand ich, per se dokumentarische Fragestellung.

Über mehrere Monate entwickelte sich dieses Filmprojekt, das nun den Arbeitstitel „MdB – Mitglied des Bundestags“ trägt. Drehbeginn war der September diesen Jahres, ziemlich genau ein Jahr nach Pofallas Anschnauzer. Ein Jahr ist auch genau jener Zeitraum in dem mein Team mit mir fünf Bundestagsabgeordnete punktuell in ihrem Berufsalltag begleitet. Es ist zugleich das letzte Jahr der aktuellen Legislaturperiode, also das Jahr vor der nächsten  Bundestagswahl 2013.

5 von 622 Abgeordnete des Bundestags. Die Auswahl sollte einerseits ausgewogen, andrerseits originell sein. Stadt / Land / Mann Frau / Ost-West / Nord-Süd. Von jeder Fraktion eine(r) und medial unverbraucht (also keine Talkshow-Dauergäste), keine „großen Tiere“. Das waren in etwa die Auswahlkriterien. Es sind Heike Hänsel (Die Linke), Sylvia Canel (FDP), Elisabeth Scharfenberg (Bündnis 90 / Die Grünen) Rolf Mützenich (SPD) und Thomas Feist (CDU) geworden. Wir waren und sind mit der Kamera in Tübingen und Hamburg, haben Wahlkreise in Köln, Hof und Leipzig durchpflügt und finden uns mittlerweile in den labyrinthischen Gängen des Berliner Politbetriebs zwischen Reichstag, Paul-Löbe- und Jakob-Kaiser-Haus ganz gut zurecht.

Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht neben langen Interviews die reine Beobachtung, der unverfälschte Eindruck, die Poesie des Moments. Was tun Abgeordnete? Telefonieren, Schreibtischarbeit, sie haben Termine in Ausschüssen und Arbeitsgruppen, sie telefonieren, telefonieren, telefonieren. Sie reden. Sie halten Reden. Sie sitzen inmitten von Stahl und Beton (in Berlin) und zwischen Flyern und Aktenstössen und Partei-Merchandising (in ihren Wahlbüros). Die einen haben Plakate von sich an den Wänden, die anderen nicht; es lebe der Unterschied.

Überhaupt ist die Unterschiedlichkeit der fünf das, was den Spannungsbogen dehnt und hält. Unsere Abgeordneten unterscheiden sich sowohl von dem Klischeebild ihrer Partei (so ist Sylvia Canel keinesfalls „typisch“ FDP oder Thomas Feist ein klassischer CDUler) und genauso natürlich in ihrem persönlichen Selbstverständnis voneinander. Während beispielsweise Rolf Mützenich als jemand, der über Jahrzehnte im Politikbetrieb zu Hause ist, unseren derzeitigen Parlamentarismus für ideal befindet, hinterfragt Heike Hänsel, basisdemokratisch emanzipiert und Abgeordnete seit 2005, diesen im Grundsatz. Für beide Haltungen –und für solche zwischen diesen zwei Polen– ist in unserer Demokratie Platz; eine nicht selbstverständliche Erkenntnis.

Was diese Politiker eint, ist die Last der Verantwortung dem Wähler, der Öffentlichkeit gegenüber. Hier gibt es durchaus Momente (auch vor unserer Kamera) des kritischen Hinterfragens – „Werde ich all dem gerecht? Erfülle ich die in mich gesetzten Erwartungen?“ Die stete, von außen gestellte Frage nach der moralischen Integrität des Abgeordneten ist berechtigt wie belustigend, manchmal auch nervig: was z.B. die Grüne Elisabeth Scharfenberg im Einkaufskorb hat (Bio???), welches Auto sie fährt, woher sie ihren Strom bezieht ist in ihrem Wahlkreis durchaus Gesprächsthema.

Unsere fünf Politiker stehen stellvertretend für jene Kolleginnen und Kollegen, die die Mühen der Ebene täglich beackern. Und das findet nicht auf großer Bühne statt, bleibt in der Regel medial unbeachtet und verschwindet kleinteilig in der Tiefe des politischen Raums. Wieviel davon mag Selbstzweck sein, Aktionismus? Taktische Manövermasse? Was erweist sich vielleicht erst viel später als ein großer Wurf? Heike Hänsel spricht vom „Hamsterrad“, und in der Tat geht es in Berlin immer treppauf, treppab. Willkommen im Maschinenhaus.

Joschka Fischer hat mal gesagt, „Politiker, das sind die mit den schmalen Lippen, weil die soviel einstecken und runterschlucken müssen.“ Ehrlicherweise hatte ich mir Bundestagsabgeordnete genauso vorgestellt. Unisono widersprachen alle fünf auf dieses Zitat angesprochen, heftig. Dafür geht es in der Politik zu lebendig zu; neben allen tagesaktuellen Anforderungen ist dieser Job auch verdammt abwechslungsreich, man erfährt ein hohes Mass an Beachtung, lernt täglich neue Menschen kennen, kommt herum. Wenn man auch abwählbar ist – vier Jahre ist man erstmal dabei.

Politiker sind weder Jetpiloten noch Sportler, die tolle Tore schießen oder Leute, die den Mount Everest hoch sprinten. Wie also „bebildert“ man einen unspektakulären Politikeralltag, wie filmt man den ab? Wie macht man politische Haltungen der Protagonisten sichtbar und jene „Hochtourigkeit“ (Elisabeth Scharfenberg) der täglichen Abläufe in Berlin? Es gibt Schreckgespenster im Fernsehen und die heißen seit einiger Zeit „Talking Heads“ –ich mag diesen Terminus gar nicht, eher schon die Band mit demselben Namen– redende Köpfe sind zu vermeiden, wenigstens zu reduzieren. Dieses Projekt hier bekennt sich mutig zu seinen Protagonisten, die im Angesicht der Kamera eine Meinung, einen Gedanken in Ruhe formulieren dürfen und sollen. Wir unterscheiden uns absichtsvoll bildsprachlich von der naturgemäß immer gleichartigen allabendlichen News-Ästhetik. Der Politiker Ole von Beust schrieb vor einiger Zeit in der Süddeutschen unter der Überschrift „Wenn die richtigen Worte fehlen“ von der ritualisierten Wechselwirkung zwischen dem floskelhaften Politikersprech und dessen medialer Rückkopplung – ein Teufelskreis. Etwas, was man nicht mehr hören mag. Und sehen auch nicht. „Wenn die richtigen Bilder fehlen“, fiel mir ein auf der Suche nach neuen, wenigstens jedoch anderen Bildern für diesen Politiker-Film und insofern kam und kommt mir die Kulisse der Bauten rund um den Reichstag, in dem der Politikbetrieb in den Sitzungswochen stattfindet gerade recht. Die Räume haben durch ihren Sichtbeton, ihre Glasfassaden, ihre transparenten Aufzüge, ihre Monitorwände (watching Big Brother) eine faszinierende narrative Qualität; in einer stets neu einsetzenden Choreographie bewegen sich darin die Subjekte der Macht, sie wandeln mit und (manchmal) ohne Handy am Ohr, sie hetzen, gruppieren und vereinzeln sich. Mal Schwarm mal Einzelkämpfer. Draussen ziehen Schiffe auf der Spree vorüber, Regen peitscht gegen die Fassade, Morgensonne dröhnt durch die Scheiben. Ein Promi huscht vorüber, Schulklassen auf Besuch und immer wieder die Medienleute mit den Kameras und Mikrophonen und wir mittendrin. Es geht weiter.

Schon jetzt, kurz vor Halbzeit danke ich den 5 MdB für ihren Mut, ihre Geduld und ihre Bereitschaft, sich vor unsere Kameras zu setzen. Sie schenken uns einen Teil ihres Lebens.  Und ein großer Dank gilt den Menschen der Abteilung Presse und Kommunikation des Bundestages für ihre so liebenswerte Unterstützung.

Siegfried Ressel