2016, 3sat, Buchenwald, Gedenkstätte Buchenwald, Menschen in Buchenwald

Philipp Neumann-Thein
Leiter der Öffentlichkeitsarbeit

Seit dem letzten Sommer begleite ich nun schon als Praktikantin die Entstehung des Films „Buchenwald. Nächste Generation“. Schon vor dem ersten Drehtag habe ich mir versucht vorzustellen, wie es sein würde an diesem Ort zu arbeiten. Denn dieses Gelände, diese Lücke, die hier in den Wald geschlagen wurde ist untrennbar mit den Verbrechen verbunden die hier begangen wurden. Von der ‚Aura‘ des Ortes ist oft die Rede, wenn in Worte gefasst werden soll, was die Menschen hier oben beim Anblick der Steine und Gebäude empfinden. Und auch mir fällt kein besseres Wort, keine bessere Erklärung dafür ein, warum es sich auch noch nach einem halben Jahr und einigen Drehtagen in Buchenwald manchmal wie ein seltsamer Widerspruch anfühlt. Unweigerlich frage ich mich: Wie wird dieser Ort zum Arbeitsplatz? Mich interessieren die Mitarbeiter der Gedenkstätte und ihre Geschichten. Was ist das für ein Weg der zur Arbeit hier in der Gedenkstätte führt? Was treibt diese Menschen an? Und wie muss das sein, wenn das Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers Teil des eigenen Alltags wird?

Ich treffe mich mit Philipp Neumann-Thein. Sein Büro befindet sich im Direktionsgebäude in einer der ehemaligen SS-Kasernen. Draußen vor den Fenstern: Gedenkstättenalltag. Besucher kommen und gehen. Dort wo einst die Wachmannschaften der SS exerzierten, parken nun Autos. Schülergruppen scharen sich im Halbkreis um eine Informationstafel oder warten auf den Bus zurück nach Weimar.
Schon seit zwölf Jahren ist Buchenwald Neumann-Theins Arbeitsplatz. Seitdem leitet er die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Gedenkstätte und unterstützt als persönlicher Referent den Stiftungsdirektor Volkhard Knigge.

Erinnern Sie sich noch an ihren ersten Besuch hier oben in der Gedenkstätte?

Ich kann nicht mehr den genauen Tag sagen, ich glaube auch nicht mehr das genaue Jahr, aber ich bilde mir ein, es wäre sehr früh gewesen. Ich meine, es wäre in der vierten Klasse gewesen. Also, ich bin in der ehemaligen DDR oder in der damaligen DDR geboren worden und in der Nähe von Weimar aufgewachsen. Und wir sind damals hierhergekommen mit unseren Lehrern, um von den Jungpionieren in die Thälmannpioniere aufgenommen zu werden. Wobei – ich hatte mich dagegen entschieden, also ich bin nicht Thälmann-Pionier geworden. Ich bin aber trotzdem mit hierher genommen worden und ich meine, dass wir damals eben auch durch die damalige DDR-Ausstellung geführt worden sind. Das müsste irgendwo so Mitte der 80er Jahre gewesen sein. Das, was ich dann später hier über die letzte DDR-Ausstellung gelernt habe, deckt sich mit meinen Erinnerungen von damals. (…)
Ich weiß noch, dass mich dieser erste Besuch nachhaltig beschäftigt hat und dass ich auch mit meinen Eltern darüber gesprochen habe und so weiter. Und, ja das waren so die ersten Eindrücke die ich hier hatte.

Inzwischen ist ja schon einige Zeit vergangen und die Gedenkstätte ist zu ihrem Arbeitsplatz geworden. Was bedeutet Ihnen heute der Ort Buchenwald ganz persönlich?

Was bedeutet der Ort für mich? Das ist schon ziemlich komplex. Also weil – der Ort wird nie für mich ein normaler Ort sein können. Also es ist immer, immer ein sehr besonderer Ort in vielerlei Hinsicht. Also zum einen ist es einer, wo ich Menschen kennengelernt habe, die mir sehr wichtig geworden sind. Also wo es ein kollegiales Miteinander gibt, ein gemeinsames Arbeiten an sehr herausfordernden Themen und Projekten und das in einer sehr aufmerksamen internationalen Öffentlichkeit. Es ist immer wieder aufs Neue herausfordernd und spannend und interessant und abwechslungsreich. Und auf der anderen Seite ist es ein Ort, der mich immer wieder auch verstört und immer wieder insofern herausfordert, als dass ich mein Verhältnis zu ihm auch immer wieder neu definieren muss. Als ich hier angefangen habe zu arbeiten, das war im April 2003, hab ich ungefähr ein halbes, dreiviertel Jahr gebraucht, um mich diesem Ort anzunähern. Also ich hab das sehr bewusst gemacht, hab auch sehr bewusst versucht wahrzunehmen, wie ich auf den Ort reagiere, was er mir sagt. War neugierig und es hat mich aber auch emotional ziemlich beschäftigt. Und das ist auch heute immer wieder mal so. Insofern: Ich werde mit diesem Ort glaube ich nie fertig. In jeglicher Hinsicht wird er mich immer beschäftigen. Insofern kann es nie ein normaler Arbeitsort sein. Auch wenn es natürlich hier eine Normalität gibt. Also wir können auch nicht ständig im Ausnahmezustand leben und wir gehen auch nicht ständig alle in Sack und Asche oder so, aber eben spätestens wenn es Gedenkveranstaltungen gibt oder wenn ich mich im Gelände bewege oder mir Fundstücke anschaue, dann ja – dann bewegt mich das nach wie vor.

Und welche sind die besonders schönen Momente ihrer Arbeit?

Also, ich bin auch zuständig für die Organisation von Veranstaltungen, eben auch beispielsweise für die Jahrestage der Befreiung und da ist es einfach schön zu sehen, wenn was funktioniert. Wir haben das jetzt im April gehabt, diese lange Nacht im deutschen Nationaltheater in Weimar, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen dort, mit der Landeszentrale für politische Bildung, mit anderen Bildungsträgern zusammen. Also, es war ein Experiment, wir haben gesagt, dass soll ein offener Raum sein, wir wollen dort verschiedene Formate anbieten. Von einem Zeitzeugencafé über musikalische Beiträge, über Diskussionen zu ernsten Themen, Ausstellungen zum Thema Rechtsextremismus und so weiter. Und sowas hatte noch niemand versucht, das hatte noch niemand gemacht. Es gab da keine Erfahrungswerte und es war völlig unklar wie und ob das die Leute interessiert. Ob da überhaupt jemand kommt. Und als ich dann ins DNT reinkam, war da volles Haus. Also diese Zeitzeugentische, ich weiß jetzt nicht mehr wie viele das waren, zwölf oder vierzehn oder so, die waren total umlagert. Die Leute waren begierig zu hören und zu fragen und zu reden mit diesen Menschen. Und das war eine tolle Stimmung im Haus, man hörte Musik und es war Stimmengemurmel und das war – Wahnsinn, ja. Dass das funktioniert hat, dass an dem einen Abend über 1200 Menschen dahin gekommen sind, sich die unterschiedlichen Veranstaltungen angeguckt haben, also das war wirklich ein großes Glücksgefühl. Und das sind so die Rückmeldungen, also die einen wirklich froh machen. Ja, vor allem weil man ja auch vor solchen großen Veranstaltungen Ängste hat und Befürchtungen. Und dann löst sich das auf. Und noch beglückender ist es, wenn man dann erlebt wie die ehemaligen Häftlinge sich dort wohl fühlen.

Das Gespräch führte Julia Gerberich