2016, 3sat, Buchenwald, Gedenkstätte Buchenwald, Menschen in Buchenwald

Stefanie Masnick
Leiterin der Restaurierungswerkstatt

Julia Gerberich begleitet als Praktikantin seit August 2015 die Entstehung des Films „Buchenwald. Die nächste Generation“. Für den Blog trifft sie Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald.

Es sind die kleinen Dinge die berühren: Ein improvisierter Kamm, ein handgefertigtes Schmuckstück, eine Erkennungsmarke. Die Restaurierungs-werkstatt der Gedenkstätte Buchenwald ist voll davon. Regale, Tische, Ablageflächen: Wo man hinsieht werden die kleinen Gegenstände sorgsam gehortet. Und dabei befindet sich hier nur ein kleiner Teil der vielen Dinge, die hier auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald gefunden wurden und weiterhin gefunden werden.

Stefanie Masnick leitet die Restaurierungswerkstatt der Gedenkstätte seit zwei Jahren. Zu ihr kommen die Objekte nach der Bergung auf dem Gelände. Anfang der 90er Jahre begann man im Zuge der Neukonzeption der Gedenkstätte nach und nach überwachsene Areale auf dem Gelände freizulegen, darunter das sogenannte Kleine Lager und die umliegend angelegten Müllhalden, die besonders in den letzten Kriegsjahren und schließlich mit der Evakuierung des Lagers nach der Befreiung anwuchsen. Daher konzentrieren sich die Funde auf eine relativ kleine Fläche unterhalb des Lagergeländes an dem noch heute Grabungen stattfinden.

Doch nicht alle Funde werden auch restauriert, denn wie Stefanie Masnick betont gibt es in der Gedenkstätte „zwar Massenfunde, aber keine Massenrestaurierung“, so bleiben vor allem Bruchstücke nach Materialien sortiert in der Nähe des Fundortes zurück. Seit 1992 werden die Zeitzeugnisse zutage befördert und mit ihnen Geschichten, die vom Lageralltag Buchenwalds erzählen. Geschichten der Menschen, die hier gelitten haben. Jedes Fundstück ist ein Zeugnis der Ausgrenzung, der Gewalt.

Gefunden werden die Gegenstände heute meistens von jugendlichen Besuchern der Gedenkstätte, denn die Zeitzeugnisse, ihre Grabung und Restaurierung sind inzwischen fester Teil des geschichtsdidaktischen Konzeptes der Gedenkstätte. Unter professioneller Anleitung nehmen die Jugendlichen auf diese Weise aktiv an der Forschungsarbeit der Gedenkstätte teil. Denn hier soll nicht einfach eine vorgefertigte Geschichte des Schreckens präsentiert werden, sondern die Jugendlichen werden angeregt eigenständig über die Geschichte zu reflektieren und Fragen zu stellen. Ein didaktisches Konzept, das Historie sinnlich erfahrbar machen soll.

Neben den klassischen Tätigkeiten als Restauratorin zählen nun also auch pädagogische Aufgaben zu Stefanie Masnicks Alltag. Eine kleine Gruppe von vier bis fünf Jugendlichen arbeitet unter ihrer fachlichen Anleitung an den Objekten. „Es ist eine sehr feinteilige Arbeit, bei der die Schüler dann auch sehr lange mit einem Gegenstand beschäftigt sind. Daher gibt es natürlich auch Fragen, die automatisch bei der Arbeit auftreten. Ich versuche  den Denkprozess noch ein bisschen durch Diskussionen zu unterstützen.“

Im ersten Schritt wird der Zustand der Objekte durch Fotos genauestens dokumentiert, denn jede Veränderung soll nachvollziehbar bleiben. Anschließend werden die Fundstücke vorsichtig gereinigt, unter dem Mikroskop werden Schmutz und Rost entfernt. Je nach Material und Objekt entscheidet die Restauratorin dann, ob weitere konservatorische Maßnahmen notwendig sind. Dabei geht es aber nie darum, den ursprünglichen Zustand der Objekte wiederherzustellen, sondern nur den vorgefunden Zustand zu konservieren und somit die Lesbarkeit des Objektes zu erhalten. Die meisten Spuren der Zeit dürfen sichtbar bleiben, denn mit jedem bisschen Erde, Staub oder Korrosion wird letztlich auch ein Teil der Geschichte des Gegenstandes entfernt.

Fachlich war die Arbeit mit den neuzeitlichen Gegenständen und Materialien in der Werkstatt der Gedenkstätte anfangs eine Herausforderung für Stefanie Masnick. Denn in ihrer vorherigen Arbeitsstelle bei dem thüringischen Landesamt für Denkmalpflege kamen überwiegend Funde der Ur- oder Frühgeschichte in ihre Hände. Gegenstände aus neueren Zeiten waren allenfalls Zufallsfunde, die versehentlich bei einer Ausgrabung mit-geborgen worden und so zu ihr in die Restaurierung gelangten.  „Hier in der Werkstatt haben wir immer wieder mit  Kunststoffen und  modernen Metalllegierungen zu tun und das als archäologische Objekte! Das ist schon etwas sehr Spezielles und Besonderes.“, so die Restauratorin. Und daher ist die Restaurierung von modernen Werkstoffen auch noch nicht abschließend erforscht. Viele Sachverhalte, wie beispielsweise chemische Reaktionen der Materialien lassen sich nicht einfach im Handbuch nachschlagen, weil es zu wenige Erfahrungen mit den Dingen der Moderne gibt.

In den letzten Monaten war Stefanie Masnick überwiegend mit der Restaurierung und Nach-Konservierung von Realien für die neue KZ-Dauerausstellung beschäftigt. Darunter zum Beispiel, der einzige im Original erhaltene Scheinwerfer des Torgebäudes, ein Barackenofen, ein großer, von den Häftlingen angefertigter Wegweiser und eine Anzahl von Essschüsseln, die in der neuen Ausstellung in einem der Realienkabinetten ausgestellt werden.

Besonders interessant sind Fundstücke, die mit einer Gravur, Initialen oder einer Häftlingsnummer versehen sind und sich in manchen Fällen auch heute noch ganz konkret ihren einstigen Besitzern zuordnen lassen. Neben diesen Realien, die sich sehr gut zuordnen lassen, weil sie vielfach mit Fotografien belegt sind oder selbst über einen Hinweis verfügen, gibt es aber genauso etliche Dinge, die mehr Fragen aufwerfen, als sie je beantworten können. „Es gibt immer wieder Objekte über die man sich wundert und wo man erstmal nicht so richtig weiß, wie man sie einordnen kann. Ein Objekt dass ich sehr kurios fand, war eine kleine zweidimensionale Pfeife.“ Ein Metallstück im Umriss einer Pfeife, dass fein gearbeitet mit Tremolierstich verziert war und auf Grund seiner Zweidimensionalität keinen erkennbaren praktischen Nutzen erfüllte. „Eine wirklich sehr schöne Arbeit, bei der man sich dann natürlich überlegt: Wofür wurde sie gefertigt? War es vielleicht ein Erinnerungsstück? Hat jemand vielleicht seine Pfeife sehr vermisst? Oder vielleicht als Spielzeug für ein Kind? Man weiß es nicht.“

JG